Ein Hoch auf die 58
Kein runder Geburtstag, kein neues Jahrzehnt. Und trotzdem habe ich beschlossen, diesen Geburtstag angemessen zu würdigen.
Bald werde ich 58. Zugegeben, eine Zahl, die auf keiner Geburtstagskarte besonders schwungvoll aussieht. Kein runder Geburtstag, kein neues Jahrzehnt. Und trotzdem habe ich beschlossen, diesen Geburtstag angemessen zu würdigen.
Denn während andere die Volljährigkeit feiern, freue ich mich über die verlängerte mögliche Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld.
Früher hätte ich mich gefragt, was mit einem Menschen nicht stimmt, der sich zum Geburtstag über so etwas freut. Heute denke ich: Die Frau hat ihre Unterlagen im Griff. Ein solides Sicherheitsnetz hat jedenfalls einen gewissen Charme. Es riecht nicht nach Vanille und steht nicht dekorativ auf dem Sideboard, beruhigt mich aber deutlich mehr als eine Duftkerze.
Die Angst vor dem Verarmen begleitet mich schon lange. Jobverlust, irgendetwas mit den Kindern. In meinem Kopf konnte immer etwas passieren. Dabei habe ich einen lieben Partner, der mich immer unterstützt hat. Wir haben uns gemeinsam Sicherheit aufgebaut. Mit 58 fange ich an, darauf zu vertrauen. Die Kinder sind hoffentlich bald mit dem Studium durch und stehen auf eigenen Füßen, die Jahre bis zur Rente werden überschaubarer. Das beruhigt mich mehr, als ich vor diesem Geburtstag erwartet hätte.
Überhaupt wird die 58 unterschätzt.
Ich habe inzwischen genug erlebt, um mir nicht mehr alles erzählen zu lassen. Gleichzeitig habe ich noch genug vor, um mich nicht dauerhaft aufs Sofa zurückzuziehen. Obwohl ich zugeben muss: Es ist ein sehr gutes Sofa. Wenn mir jemand empfiehlt, öfter meine Komfortzone zu verlassen, möchte ich deshalb zunächst wissen, warum. Ich habe schließlich Jahrzehnte gebraucht, um sie ordentlich einzurichten. Mit bequemen Kissen und vernünftigem WLAN.
Auch außerhalb meiner Komfortzone komme ich bestens zurecht. Im Restaurant zum Beispiel. Wenn ich dort mein Handy zücke, hat das selten etwas mit Social Media zu tun. Ich möchte lediglich mit der Taschenlampe die Speisekarte ausleuchten.
„Es liegt definitiv an den Kerzen“, erkläre ich dann.
Man muss solche Dinge frühzeitig klarstellen. Sonst kommt noch jemand auf die Idee, es könnte an meinen Augen liegen. Dabei ist offensichtlich das gastronomische Beleuchtungskonzept mangelhaft. Wer kleine graue Schrift auf beigefarbenem Papier bei Kerzenschein anbietet, möchte offenbar gar nicht, dass ich den Preis erkenne.
Bei Modetrends bin ich ähnlich entspannt. Alles, was heute als „Vintage“ gefeiert wird, lag bei mir in den Neunzigern schon einmal im Schrank. Ich müsste es nur wiederfinden. Und hineinpassen. Aber wir wollen diesen Geburtstag positiv gestalten.
Wobei ich auch heute schöne Dinge kaufe. „In meinem Alter lohnt es sich nicht mehr, auf die nächste Rabattaktion zu warten“, ist ein Argument, das ich ausgesprochen überzeugend vortragen kann. Mein Kontostand sieht das gelegentlich anders. Ihm fehlt die Lebenserfahrung.
Meine Ansprüche sind mit den Jahren ohnehin gestiegen. An Schuhe, Hotels und Menschen. Bei allen dreien möchte ich inzwischen vorher wissen, ob sie mir auf Dauer Schmerzen bereiten. Früher war ich bereit, für einen guten Eindruck einiges auszuhalten. Heute finde ich, dass ein guter Eindruck auch in bequemen Sneakern entstehen kann.
Natürlich bin ich auch mit 58 noch spontan. Ich müsste nur vorher wissen, wann es losgeht, wo ich sitzen kann und wann ich wieder zu Hause bin. Auch eine gewisse Vorstellung von der Parkplatzsituation wäre hilfreich.
Dann steht einem völlig ungeplanten Abenteuer nichts im Weg.
Für Aufregung muss ich inzwischen allerdings nicht einmal das Haus verlassen. Neulich war ich nachts um drei noch wach, weil ich einen verschollenen Vorfahren gefunden hatte. Andere brauchen für solche Nächte einen Club. Mir reichen ein Kirchenbuch und ein schlecht lesbares „Johann Gottlieb“.
Familienforschung hat ohnehin etwas sehr Beruhigendes. Meine Ahnen hatten offenbar auch nicht alles im Griff. Sie haben es nur in einer Schrift dokumentiert, die ihre Nachkommen zuverlässig von vorschnellen Urteilen abhält. Bevor ich mir eine Meinung bilden kann, muss ich erst einmal herausfinden, ob der Mann nun gestorben ist oder geheiratet hat.
Im Beruf erkenne ich häufig schon an der Betreffzeile, ob ein Meeting eine E-Mail hätte sein können. Nach mehreren Jahrzehnten Berufserfahrung halte ich mich außerdem für bestens qualifiziert, auch einmal gar nichts zu tun. Leider gibt es dafür bislang keine passende Stellenbeschreibung. Dabei hätte ich einiges zu bieten: langjährige Erfahrung, hohe Eigenmotivation und die Fähigkeit, einen freien Vormittag ohne jede Abstimmungsrunde sinnvoll zu gestalten.
Auch meine Antwort auf die Frage „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ wird immer konkreter.
Auf einem Schiffsdeck.
Mit einem guten Buch.
Möglichst ohne Teams-Zugang.
Noch hoffentlich fünf Jahre bis zur Rente. Zum ersten Mal fühlt sich dieser Gedanke nah genug an, um mehr zu sein als eine gelegentliche Fantasie zwischen zwei Terminen. Ich kann anfangen, mir diesen Alltag vorzustellen. Mehr Zeit fürs Schreiben. Für Reisen. Für die Familienforschung. Und für einen Kaffee, den ich tatsächlich trinke, solange er warm ist.
Bis dahin möchte ich meine Energie etwas sorgfältiger verteilen. Früher war es mir wichtig, dass mich möglichst alle mögen. Heute reicht es mir an manchen Tagen schon, wenn niemand unangekündigt klingelt. Ich muss auch nicht mehr jede Diskussion gewinnen. Manchmal kann ich einfach meinen Kaffee trinken und innerlich die Augen rollen. Das spart erstaunlich viel Zeit.
An meinen 18. Geburtstag erinnere ich mich noch genau. Den Führerschein hatte ich schon mit 17 für die Ausbildung gemacht. Für LKW und Traktor. Andere träumten vom ersten eigenen Auto, ich war bereits für größere Aufgaben zugelassen. Genau zu meinem 18. Geburtstag stand dann die Abschlussfahrt an. Eine sehr lange Fahrt durch die halbe Republik. Den Geburtstagskuchen gab es erst danach – im Dunkeln, weil auch noch der Strom ausgefallen war.
Mein Start ins Erwachsenenleben bestand also aus einer langen Fahrt und Kuchen bei mangelhafter Beleuchtung. Vierzig Jahre später sitze ich im Restaurant und leuchte die Speisekarte mit dem Handy aus. Immerhin hat sich die technische Ausstattung verbessert.
Vielleicht freue ich mich deshalb heute so auf einen Geburtstag, an dem ich nirgendwo ankommen muss. Und auf eine Zukunft, in der lange Reisen vorzugsweise auf einem Schiffsdeck stattfinden, während jemand anderes die Verantwortung für die Fahrtrichtung trägt.
In diesem Sinne: ein Hoch auf die 58. Ich habe noch viel vor.
Aber diesmal möchte ich meinen Kuchen im Hellen essen.
Grit Lezovic
Schreibt über Geld und Alltag, Reisen und Lebenspläne.